Viel zu lange habe ich damit zugebracht, mir zwei unterschiedliche Betonungen des Ortsnamens im Titel (PANdaros oder panDAros?) über die Zunge rollen zu lassen. Im einen Fall schwingt der Titel daktylisch, im anderen stapft er jambisch daher. (Schönen Gruß an meinen Deutschlehrer!) Pandaros ist eine Raumstation, im Buch wird sie vollständig als Pandaros-3 bezeichnet. Gleich rattern wieder die Betonungsvarianten durch den Kopf - ich bin für mich bei der Betonung auf der ersten Silbe gelandet, weil ich sie befriedigender finde und endlich Ruhe haben wollte. ;)
Erst später bekam ich mit, dass Pandaros der Name einer Figur aus der Heldensage vom trojanischen Krieg ist (und offenbar tatsächlich auf der ersten Silbe betont wird?). Tja, Bildungslücken… :) Das englische Verb to pander („jmds. Schwächen/Sehnsüchte bedienen oder ausnutzen“) geht auf diesen Namen zurück, wie ich jetzt gelernt habe. Das finde ich interessant, und so ein klein bisschen frage ich mich, ob Sullivan diese Komponente absichtsvoll im Blick hatte, als er den Namen wählte. Denn seine Titelfiguren folgen wiederholt den Trieben ihrer niederen Instinkte. Ganz geht diese semantische Verbindungslinie nicht auf, aber einen inhaltlichen Bezug zum Roman kann ich aus der mythologischen Bemerkung auf S. 234 auch nicht herauslesen (zum Setting und der gezeigten Weltanschauung schon eher) - also verabschiede ich mich von diesem Gedankenspiel, bevor ich allzu dämlich wirke, und wende mich endlich dem Buch zu. Mit ein paar Spoilern.
Rezension
„Die Granden von Pandaros“ handelt von den Köpfen zweier Schattenkonzerne. Cosima Aberson und John A. Glennscaul sind waghalsige, gierige, hochintelligente Bosse, die sich noch aus Jugendzeiten kennen, aber seit vielen Jahren eine hasserfüllte Fehde zwischen ihren halbkriminellen Unternehmen ausfechten. Nachdem sie zwei Jahre gemeinsam auf einem halbzerstörten Frachter in der Einsamkeit des Alls festsaßen, werden sie von Yuka Manderton, Captain des Luxus-Raumschiffs Inanna, gerettet. Die Granden planen eine fulminante Rückkehr zu ihren jeweiligen Schattenkonzernen und sind dafür sogar bereit, noch ein wenig länger zusammenzuarbeiten. Als sie mitbekommen, dass auf der großen Auktionswoche, die auf der Inanna stattfindet, ein wertvolles KI-Modul gestohlen wird, entwenden sie den Dieben unbemerkt ihre Beute und machen sich davon. Dadurch allerdings haben sie auf einen Schlag mehrere mächtige Verfolger am Hals – und in ihren Schattenkonzernen ist natürlich auch nicht mehr alles wie vor zwei Jahren. In die Ecke gedrängt, müssen John und Cosima sich etwas Besonderes ausdenken – und ringen gleichzeitig weiter mit gegenseitigem Misstrauen und ihren Erinnerungen an eine gemeinsame Vergangenheit.
James A. Sullivan entführt uns in eine Abenteuergeschichte vor Weltraumkulisse. Actionszenen und elaborierte Raubzüge/ Heists wechseln mit ruhigeren Abschnitten, in denen die Figuren ihr Verhalten und ihre Beziehungen im Gespräch ausloten. Futuristische Gadgets und politisch-soziale Vorstellungen bilden so etwas wie die Hintergrundmusik. Sie vereinen sich im Motiv der KIs: Mächtiger künstlicher Intelligenzen, deren Einfluss zahlreiche Aspekte der Zukunft durchdringt, wie Sullivan sie uns präsentiert. Die KIs haben dabei deutlich übermenschliche Züge, werden aber doch als Persönlichkeiten beschrieben. Überhaupt ist die tiefe Menschlichkeit eine der Stärken des Romans, der sich nicht in Futuristik und Technikbegeisterung verliert, sondern seine Figuren und ihre Motivationen in nachvollziehbaren Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen begründet. Gut finde ich auch, dass Sullivan Details wie ein bedingungsloses Grundeinkommen und Schutz der Privatsphäre als Grundpfeiler der zukünftigen Gesellschaft einflicht. Auch, dass zumindest beiläufig queerfreundliche Aspekte vorkommen, ist positiv.
Mir gefällt außerdem, dass Sullivan zwar mit dem Motiv der entzweiten Freunde spielt, die verbitterte Feinde werden, um schließlich doch wieder aufeinander zuzugehen, dass er aber nicht ins Abgelutschte abrutscht, sondern Cosima und John bis zum Schluss die Freiheit lässt, an Misstrauen und Rivalität festzuhalten. Er widersetzt sich damit dem Klischee, es gäbe ein simples Rezept, um Feindschaft zu überwinden (z.B. „zwei Jahre gemeinsam auf einem im Weltall treibenden, defekten Frachter“). Die Kooperation zwischen den Hauptfiguren bleibt fragil und bedarf des Vertrauensvorschusses. Ihre Vorgeschichte wird Stück für Stück gekonnt entfaltet.
Sullivan hat ein gutes Händchen für schöne Szenenübergänge. An etlichen Stellen haben mich die eleganten Wechsel erfreut, ohne dass die Anschlüsse je gekünstelt gewirkt hätten. Weniger überzeugt hat mich hingegen die Art, in der John sehr rational über sich, Cosima und ihr beider Verhalten räsoniert, obwohl das Thema wie auch die jeweiligen Gesprächssituationen belastend und stressig sein dürften. Trotzdem gefällt mir, dass der Roman dem Dialog über charakterliche Eigenschaften und Verhalten immer wieder Raum gibt.
Ich vermute, „Die Granden von Pandaros“ spielt in derselben Welt, die Sullivan für seinen SF-Erstling „Chrysaor“ entwarf (den ich nicht gelesen habe). Wer mehr von Sullivans Zukunftsentwürfen in eine spannende Handlung verpackt haben möchte, dürfte dort fündig werden. Chrysaor (also der frühere Roman) spielt offenbar nach den Ereignissen von den „Granden von Pandaros“, mit ganz anderen Protagonisten. Den Pandaros-Roman konnte ich problemlos ohne Vorkenntnisse zum Setting genießen. Wer eine spannende Abenteuergeschichte mit Elementen von Heists und Thrillern im Weltall lesen möchte und Freude an intelligent beschriebenen sozialen Beziehungen hat, dem kann ich „Die Granden von Pandaros“ empfehlen.
Piper Verlag 2017 (Softcover, 640 Seiten)
ISBN: 978-3-492-70418-2
Homepage von James A. Sullivan:
http://www.jamessullivan.de/home/
Aufmerksam geworden bin ich auf den Roman durch eine Spenden- und Gewinnspielaktion von queerwelten.de (#HoffnungSpenden). Teilnehmen konnte man durch eine wohltätige Spende (über Medico an das Rojava-Projekt, über Seawatch für die Seenotrettung, oder an Ärzte ohne Grenzen oder Lambda e.V.), zu gewinnen gab es Buchpakete, die von einer Reihe Autor*innen bzw. Verlagen gespendet wurden. Die Aktion war mir sympathisch, und es hat mich gefreut, von James Sullivan sowohl Die Granden von Pandaros als auch Nuramon gewonnen zu haben.