asri: Photo of myself (Default)
[personal profile] asri
Palamedes redivivus, 1719, KupferstichSeit einiger Zeit sammle ich Informationen zu Digitalisaten von Spielbüchern aus der Zeit vor 1900. Ein sauberes Format hat die Liste bisher nicht, und mir fehlt die Zeit, um es wirklich gründlich aufzubereiten (z.B. als strukturierte XML-Daten). Deswegen will ich wenigstens Ausschnitte, vielleicht auch einmal die gesammelte (unformatierte) Liste veröffentlichen. Die Liste umfasst aktuell etwa hundert Einträge, als Bibliographie ist sie im Kern Spielbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts gewidmet, die digitalisiert frei verfügbar sind. Eine strenge Definition von "Spielbuch" habe ich nicht angelegt. Auch die Zeitgrenzen sind eher unscharfe Richtwerte.

Hier nun also exemplarisch ein Ausschnitt: Der Palamedes (redivivus).

Angaben wie "Zollinger 783" oder "VD18 10579737" beziehen sich auf bibliographische Werke:
  • Manfred Zollinger: Bibliographie der Spielbücher des 15. bis 18. Jahrhunderts. Erster Band: 1473-1700. Stuttgart: Hiersemann 1996. [Weitere Bände nicht erschienen.]
  • VD17 = Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts.
  • VD18 = Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 18. Jahrhunderts.

Palamedes redivivus, 1678, TitelblattPalamedes redivivus
ist der Titel mehrerer deutschsprachiger Werke des 17. und 18. Jahrhunderts, die sich mit Spielen befassen. Der Titel bedeutet "der auferstandene Palamedes". Palamedes ist der Name einer Figur der griechischen Mythologie: Er war einer der Griechen, die gegen Troja kämpften. Er gilt als Erfinder der Würfel und des Brettspiels. Die Verknüpfung seines Namens mit Spielmaterial, Gesellschaftsspielen und vermutlich auch mit Erfindungsreichtum war so eng, dass seine Nennung im Buchtitel entsprechende Assoziationen weckte. Dafür gibt es auch Beispiele, bevor der deutschsprachige "Palamedes redivivus" veröffentlicht wurde.

Ein lateinisches Buch über antike Spiele, das auch den Namen Palamedes (ohne "redivivus") im Titel verwendete, erschien 1622 in Leiden bei Elsevier. Geschrieben wurde es von Daniel Souter (Souterius):

  • Danielis Souteri[i] Flandro-Britanni Palamedes, sive de tabula lusoria, alea, et variis ludis: libri tres, quorum I, Philologicus, II, Historicus, III, Ethicus, seu Moralis. Lugduni Batavorum : Elzevier, MDCXXII = 1622. [Zollinger 783] - Digital: Google (British Library), Google (Alessandrina)
 
Souter befasst sich in den drei Teilen seiner Arbeit mit Spielen und ihrer moralischen Bewertung. Sein antiquarisch-historisches Interesse steht laut Alessandro Arcangeli dabei im Vordergrund (A. Arcangeli: Recreation in the Renaissance, 2003, S. 59f.). Die Arbeit wurde drei Jahre später schon wiederveröffentlicht (in Leiden bei Elsevier), diesmal in Verbindung mit einem Text von Meursius über griechische Spiele:
  • Ioannis Meursi Graecia Ludibunda. Sive, de ludis Graecorum, liber singularis. Accedit Danielis Souteri Palamedes, sive de tabula lusoria, alea, & variis ludis, libri tres. Lugd. Bat. ex officina Elzeviriana. MDCXXV = 1625. [Zollinger 789] - Digital: BSB München, Google (= Expl. BSB München), ÖNB Wien, Google (= Expl. ÖNB Wien), Google (Lyon), sowie in zwei Teilen: Google & Google (Rom, der erste Teil enthält neben der Arbeit von Meursius eine Vorrede und das Inhaltsverzeichnis zu Souters Palamedes, der zweite Teil den Text)
     

Es gibt mindestens einen weiteren Nachdruck gegen Ende des 17. Jahrhunderts, aber da Souter und Meurs hier nicht im Fokus stehen sollen, schwenken wir auf den "wiederbelebten Palamedes" um. Dieser erscheint zuerst 1678 in Leipzig ohne Angabe eines Verfassers. Zumindest Teile des Werks sind aus älteren Spielbüchern übernommen:

  • Palamedes Redivivus: Das ist/ Nothwendiger Unterricht/ Wie die heutiges Tages Gebräuchliche Spiele Als Das Stein- oder Schach-Spiel/ Item Das Picquet- Hoick und Thurn-Spiel/ Nach künstl. Wissenschafft recht und wohl zu spielen : Auß denen übgründl. Spiel-Gesetzen herfür gesucht/ und außführlich beschrieben. Sampt angehängter verbesserter Rümpffer-Ordnung. Leipzig : Frommann, 1678. 189 S. [VD17: 14:688157X ; Zollinger 149]

Von dem Buch scheint nur die SLUB Dresden ein Exemplar zu besitzen (Direktlink). Bisher gibt es leider kein Digitalisat. Auf 189 Seiten werden folgende Spiele behandelt: Schach, Piquet, Hoick (Hoc), Mund- oder Turmspiel, Rümpfen, Billard. Das Dresdener Exemplar "enthält später hinzugefügte handschriftliche Spielregeln: 'Spiel im Brete Lortschen oder Verkehren'; 'Die Dame'; Auß v. Ein'; 'Engelisch Dikdaken'; A L'Ombre' und 'Beschreibung des L'Ombre Spieles aus deme im ...1685 in Paris gefertigte druck ins Deutsche ubersezet gedruckt': Diese Regel findet sich in späteren Palamedes-Ausgaben abgedruckt." (Zollinger zu Nr. 149, S. 74).

In den folgenden Jahrzehnten ist dieses Werk mehrfach neu aufgelegt und sukzessive bearbeitet/erweitert worden. Ich beschränke mich auf eine Liste. Druckort und Jahr sind jeweils hervorgehoben.
Palamedes redivivus, 1719, Titelblatt

  • Palamedes Redivivus, das ist: Nothwendiger Unterricht, wie heutiges Tages Gebräuchliche Spiele, Als das Stein- oder Schach-Spiel, Das Picqvet- Hoick- und Thurn-Spiel, Samt dem L'Ombre-Spiel Nach künstlicher Wissenschafft recht und wohl zu spielen aus denen üb-gründlichen Spiel-Gesetzen herfür gesucht und ausführlich beschrieben ; Mit angehängter verbesserter Rümpffer-Ordnung und Linquiren, bey dieser Edition allenthalben vermehret ; Worzu auch kommen die Abhandlung Des beliebten Ball-Spiels. Leipzig : Martini, 1719. 209 S., VD18 12206806. Digital: urn:nbn:de:bvb:29-bv008981533-1
  • Palamedes redivivus, das ist nothwendiger Unterricht, wie heutiges Tages gebräuchliche Spiele, als Stein- oder Schach-Spiel, das Picquet-, Hoick- und Thurn-Spiel, samt dem L'ombre-Spiel ... recht ... zu spielen. Leipzig : A. Martini, 1722. 234 S. (Katalognachweise: Staatsbibliothek Bamberg, Stuttgart WLB) - Mir ist bisher kein Digitalisat bekannt. Digitalisat: HathiTrust (Google)
  •  Palamedes Redivivus, Das ist: Nothwendiger Unterricht, wie heutiges Tages Gebräuchliche Spiele, Als Stein- oder Schach-Spiel, Das Picquet-, Hoick- und Thurn-Spiel, Samt dem L'Ombre-Spiel Nach künstlicher Wissenschafft recht und wohl zu spielen: aus denen üb-gründlichen Spiel-Gesetzen herfür gesucht und ausführlich beschrieben; Mit angehängter verbesserter Rümpffer-Ordnung und Linquiren; Bey dieser Edition allenthalben vermehret, Worzu auch kommen die Abhandlung Des beliebten Ball-Spiels; Wie auch Eine Vorschrifft, wie sich überhaupt beym Spielen zu verhalten und aufzuführen. Leipzig : Martini, 1733. 223 [i.e. 231] S. (Paginierfehler: S.179-186 doppelt gezählt), [VD18 14163020], Digitalisat: urn:nbn:de:bsz:25-digilib-109096 (alternativer Link zum selben Objekt)
  • Palamedes redivivus, das ist: nothwendiger Unterricht, wie heutiges Tages gebräuchliche Spiele, als das Stein- oder Schach-Spiel, das Picquet-Hoick-Thurn-und L'ombre-Spiel ... nach künstlicher Wissenschafft recht und wohl zu spielen, aus denen übgründlichen Spiel-Gesetzen herfür gesucht, und ausführlich beschrieben; auch bey dieser neuen Auflage abermahl vermehrt mit dem Trisett-und Taroc-Spiel. Leipzig : Martini 1739 (laut Google, in deren Digitalisat aber leider das Titelblatt fehlt!). 152 S. (und wenige ungezählte Seiten), Digitalisat: Google. Die Google-Vorlage steht offenbar in der Koninklijken Bibliotheek in Den Haag (Katalogeintrag). Die StaBi Berlin führt das Buch in ihrem Katalog als Kriegsverlust (Katalogeintrag im SBB/ im GVK. Der Titel lautet dort "Palamedes Redivivus, Das ist: Nothwend. Unterricht ... Bey dieser Edition abermahl vermehret, mit einer Nachricht des rechten Mariage-Spiels [und was dabei zu observieren,] Reglement, wie es bey dem lang Kegelschieben gepflegt gehalten zu werden". Vgl. den Titel der folgenden Ausgabe:
  • Palamedes Redivivus, Das ist: Nothwendiger Unterricht, wie heutiges Tages gebräuchliche Spiele, Als das Stein- oder Schach-Spiel, das Picquet-Hoick- und Thurn-Spiel, samt dem L'Ombre-Spiel, nach künstlicher Wissenschafft recht und wohl zu spielen, aus denen üb-gründlichen Spiel-Gesetzen herfür gesucht, und ausführlich beschrieben : auch Rümpfer-Ordnung und Linquiren, Regles pour le jeu du Pilliard, Abhandlung des beliebten Ball-Spiels, Unterricht vom Bogel-Spiel, Von zwey und dreyßig Karten, Vom Scheffel- und bösen-Sieben-Spiel, Beschreibung des Piribi-Spiels und der Tabelle : Bey dieser neuen Auflage abermahl vermehrt mit dem Trisett- und Mariage-Spiel, ingleichen Reglement, wie es bey dem lang Kegelschieben zu halten. Leipzig : bey Johann Gottfried Dyck, 1749. 152 S. (und wenige ungezählte Seiten). [VD18 11782463] Digitalisat: Göttinger Digitalisierungszentrum; Google (abermals ein Expl. der KB Den Haag).
  • Palamedes Redivivus : Das ist: Nothwendiger Unterricht, wie heutiges Tages gebräuchliche Spiele, als das Stein- oder Schach-Spiel, das Picquet- Hoick- Thurn- und L'Ombre-Spiel... zu spielen. Leipzig : Dyck, 1755. 153 S., Digitalisate: SLUB Dresden, Google, Google
 
Der Palamedes Redivivus ist ein frühes Beispiel für die Beliebtheit bestimmter Gesellschaftsspiele und den Bedarf an autoritativen Spielregeln. Die Aufnahme von Spielen in solche Regelsammlungen kann auch als Indikator aufgefasst werden, wann die Spiele in Mode kamen.

Siehe auch Palamedes redivivus - Inhalte hier in meinem Blog!

Profile

asri: Photo of myself (Default)
Jonas

September 2023

S M T W T F S
     12
3456789
1011121314 1516
17181920212223
24252627282930

Most Popular Tags

Style Credit

Expand Cut Tags

No cut tags
Page generated Feb. 21st, 2026 09:44 pm
Powered by Dreamwidth Studios